KUBA – Wie ein Jahr endet, wie eines beginnt

Worum geht es?

Ende 2013 gründeten wir das Skateprojekt Camino Libre Cuba. Ziel ist es, Skate- und Longboardmaterial wie Decks, Rollen, Schuhe und Helme nach Kuba zu bringen. Talentierte Jugendliche gibt es dort nämlich genug, Skatezubehör allerdings nicht. Sport gibt jedem Jugendlichen auf der Welt Halt. Wenn man in einem armen Land aufwächst und viel Zeit auf der Straße mit seinen Freunden verbringt, ist das wichtig. Sehr wichtig!

Ende Dezember 2013 machten wir uns deshalb mit unseren Taschen voller Dinge auf zur Insel. Nach einigen Tagen Skaten durch Havanna mit den Jungs, gab es am Silvestertag einen großen Skatecontest: alle waren sie gekommen, um ein Satz Rollen oder ein Deck zu gewinnen und ihr Können zu zeigen. Einen Teil des Materials haben wir an Ché und Mamerto gegeben, damit auch die Anfänger gerechterweise an ihr erstes Deck kommen können.

Und der nachfolgende Artikel erzählt von unserer Silvesternacht 2013 in Havanna. Wir sind tief in Familiengeschichte eingestiegen und hoch auf Havannas Dächer geklettert.

Lest selbst…

 

FloriditaWir schleichen durch dunkle Gassen fernab von jedem Tourismus in Havanna. Licht spendet nur der Vollmond über uns. Das Rascheln der Ratten mischt sich mit dem Fauchen der Katzen, immer wieder schallt Reaggeton aus den Behausungen. Vivir la Vida – DER Hit 2013 auf Kuba. Einen Bretterverschlag entlang tastend folgen wir dem 17-jährigen Roberto zu seiner Familie. Es ist der 31. Dezember 2013. Noche Vieja (Silvester) ist auf Kuba ein Familienfest. Vor ein paar Tagen sind wir in Havanna angekommen, mit nichts als Handgepäck für uns und 2 Taschen voll mit Skateboards und Schuhen für die lokalen Skater. Es gibt keine Skateboards auf Kuba. Roberto gehört zur Gruppe der Talentiertesten. Seit wir ihn und seine Freunde bei 23yG (Avenida 23, Kreuzung Calle G) getroffen haben, skaten wir mit ihnen durch Havanna und lernen alles kennen, was Touristen sonst nicht sehen oder nicht sehen wollen. Und jetzt tasten wir uns durch den Vorort Marianao im Westen Havannas, in dem er mit seiner Familie lebt. Von 23yG haben wir über eine Stunde gebraucht. Hoy no hay carro sagt Roberto – die Autos mit Lizenzen sind alle voll. Bis sich jemand erbarmt und uns illegalerweise ein Stück in seinem Privatauto die Straße mit runter nimmt.

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Langsam mischen sich Ziegelbauten zwischen die Bretterhütten. Vereinzelt scheint jetzt Licht auf den Weg. Wir kommen an einem zweistöckigen Gebäude an, eine provisorisch hingemauerte Treppe verbindet uns mit dem 1. Stock. Unsicher, was uns erwartet, halten wir die mitgebrachten Flaschen Rum und Sekt fester in unseren Händen und treten ein. Ein heller Raum, quadratisch, eine einzige Glühbirne baumelt von der Decke und wackelt im Salsa Takt zur Musik. Kurz verstummt die Gesellschaft und mustert neugierig die beiden Mädels, die Roberto da im Schlepptau hat. In Sekundenschnelle haben meine Augen alles gesehen. Ein Tisch, ein Schaukelstuhl inklusive Großvater mit Enkelin auf dem Schoß und Zigarre im Mund, nackte Wände, grauer Zementboden. Rechts die Küche. Ein Gasherd, drei einfache Schränkchen, das gesamte Geschirr der Familie ist auf dem Tisch aufgebaut und wartet darauf mit dem Festmahl beladen zu werden. Das Festmahl besteht aus Bohnen, Reis, Maniok und sogar etwas Schwein mit Limettensalsa.

 

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Wir bekommen ein Glas Rum in die Hand gedrückt, besito links, besito rechts. Eine der Frauen ermuntert uns, zuzugreifen. Vegetarierin sein geht hier nicht. Zu groß wäre das Unverständnis, dass man so was Seltenes wie Fleisch nicht essen will. Kulturen kennenlernen heißt auch, immer wieder die eigenen Standards zu lockern. Also greife auch ich zu und tunke das Stück in die fruchtige Salsa.

Im Badezimmer springt mich wieder das Nichts an. Keine Cremes, kein Shampoo, kein Schnickschnack. Einzig ein Stückchen Seife liegt auf einer Muschel am Waschbecken.

Um Mitternacht wird viel umarmt und geweint. Todo saldrá bien! Alles wird gut werden! Ich schleiche mich nach draußen, wo ich Roberto im Mondlicht sehe. Den Kopf gesenkt, die Schultern eingezogen, Schluchzen durchzuckt seinen Körper. Mit meinem Arm um seine Schulter erzählt er mir sein Leben – ein kubanisches Leben. Sein Vater ist vor 10 Jahren nach New York gegangen, seine richtige Mutter hatte nur Geld für ein Kind, also blieb seine kleine Schwester bei ihr und er lebt seitdem bei seiner Stiefmutter, der zweiten Frau seines Vaters. Sie ist erst 40. Eigene Kinder hat sie keine.

Bei Vollmond fühlt er sich seinem Vater nah und hofft, dieser trägt seine Gedanken über das Meer. Er trägt die Skateschuhe, die wir gebraucht aus Deutschland mitgebracht haben. Seine alten waren x-mal genäht und geklebt.

Später sitzen wir mit Roberto und seinem Cousin im Auto Richtung Zentrum/Vedado. Der Rum wandert zwischen den Jungs hin und her. Zwischen der Avenida de los Presidentes und der Avenida Paseo steigen wir aus. Ein paar bekannte Gesichter stehen mit vielen anderen Kubanern vor einem Hochhaus im Kolonialstil. „Asere!“, „Qué bola!“, „Feliz año nuevo!“ ruft man durcheinander, Umarmungen, Handschlag, Küsschen. Die Stimmung ist ausgelassen.

Eine Wendeltreppe so schmal wie der Türsteher führt uns in den 7. Stock, von dort klettert man über eine Holzleiter aufs Dach. Mehrmals kommt uns jemand entgegen, also um die eigene Achse gedreht und mit einem Lachen wieder runter.

Mein Kopf schiebt sich aus der Dachluke. Um mich herum hunderte Füße in Flipflops. Als auch meine Füße daneben stehen bin ich in der surrealsten Welt dieser surrealen Tage angelangt. Links von mir die umkämpfte Bar, an der warmer Rum in klebrigen Plastikbechern ausgeschenkt wird, klebrig ist auch der graue Betonboden. Am Ende der Dachterrasse wummert Latin-Beat aus mehreren Boxen, ein Life Act tanzt neben dem DJ. Die Röcke der Mädchen sind kurz, der Barman ist guter Laune, wir tanzen mit neuen Freunden im Arm. Und über allem leuchtet der Vollmond Kubas, bis er sich von der Sonne überblenden lässt und sich die bunten Silhouetten Havannas Kolonialhäuser zu erkennen geben.

Ein paar Stunden später laufen wir bereits mit Rucksack und Longboard durch die trockene Vormittagshitze des ersten Januars. Wir wollen nach Viñales. Die überpünktlichen Busse von Víazul verbinden Havanna zweimal täglich mit der Provinz Pinar del Río im Westen des Landes. Um 9 und um 16 Uhr ist Abfahrt, bis nach Viñales dauert es 4 Stunden. Die Busse sind über Tage hin ausgebucht, Hauptsaison. Also halten wir verschiedene Carros an bis einer einwilligt, uns die 180 Kilometer in das grüne Tal zu fahren. Wir steigen in ein Auto, doppelt so alt wie wir und doppelt so alt wie sein Fahrer. Plastiküberzug schützt die weißen Ledersitze des pinken Chevys und klebt an unseren Oberschenkeln.

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Während wir endlose einsame Highways entlangfahren – nur vereinzelt stehen Kubaner unter Straßenbrücken und warten auf eine Mitfahrgelegenheit – ändert sich die Vegetation. Grüne Tümpel und Graslandschaften werden schließlich zu Hügeln. Tausende Tabakpflanzen wiegen sich im Wind entlang der jetzt kurvigen Straße. Auch blind würde man die Veränderung merken, man riecht das Tabaktal.

Methusalem und seine Frau erwarten uns in ihrer Casa Particular, welche uns von unserer Vermieterin Mercedes in Havanna empfohlen wurde. Familien und Freunde empfehlen sich untereinander, man kann sich darauf einlassen, oder den Reiseführern folgen. Zwei Betten, zwei Leintücher, ein Schrank, eine Dusche. Auf der Veranda schaukelnd verabschiedet sich die Sonne des ersten Tages 2014 hinter den Bergen Viñales’ und zaubert uns zum Abschied ein leuchtendes Wolkenmeer.

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Die alte Hausherrin stellt uns Melone, Papaya und Toast neben den zuckersüßen Kaffee auf die rot-karierte Tischdecke. Bewaffnet mit Helm und Longboard wollen wir das Tal entdecken. Die Nachbarskinder bekommen eines der Skateboards zum Spielen. Barfuß, unermüdlich, kubanisches Kinderlachen.

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Viñales ist hügelig, schmiegt sich in die Landschaft. Die geteerte Hauptstraße säumen kleine Läden, Paladares, Friseure. Am Hauptplatz findet man die Casa de la Cultura, beherbergt in einem gut erhaltenen Kolonialgebäude. Links und rechts gehen staubige Straßen ab. Rötlich glänzen noch die letzten Pfützen vom abendlichen Regenguss, der fruchtbare rote Sand des Tals legt sich auf alles. Wir rollen langsam die Straßen entlang, die Aufmerksamkeit ist ebenso hoch wie in Havanna. Skater hat man hier noch nicht oft gesehen. Kinder rennen neben uns her, Alte winken uns, Jugendliche pfeifen. Wir teilen uns die Straße mit Kutschen, Traktoren, Chevys und Fords aus den 50ern. Unser Ziel ist die 7km entfernte Cueva de Indios, eine Tropfsteinhöhle. Nicht so bekannt wie die Cueva de los Portales, in welche Ché Guevarra 1962 kurzerhand während der Kubakriese das Hauptquartier verlegte. Raus aus dem Dorf, rein in den Traum. Der Schweiß rinnt in unsere strahlenden Augen.

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Mogotes, die Hügel Viñales, liegen weit verstreut wie riesige bewachsene Elefantenrücken im Tal. Ich bezweifle, dass ich je eine schönere Landschaft gesehen habe. Immer wieder nutzen wir Traktoren und Kutschen als Lift die Berge hinauf, lösen uns am höchsten Punkt und gleiten die Straßen hinunter. Die Freundlichkeit der Menschen gleicht der Schönheit des Tals. Die Cueva bietet willkommene Erfrischung, mit einem kleinen Boot lassen wir uns durch die pechschwarze Tropfsteinhöhle fahren.

Nachmittags holt uns Alberto, der Neffe unserer Vermieter, ab und bringt uns zu Mr. Junior und seinen Pferden Mojito, Tequila und Caramelo. Bisher vermied ich in Lateinamerika das Reiten, weil mir die Tiere oft zu unterernährt und schlecht behandelt vorkamen. Erleichtert stelle ich fest, dass unsere drei wohlgenährt dösend im Schatten auf uns warten. Die kommenden Stunden erwartet uns Kuba pur. Nach 2 Stunden abenteuerlicher Pfade im Tal, die Hügel hinauf und hinab, brennender Sonne über uns, erreichen wir die Hütte des berühmten Tabakbauern Palillo.

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Palillito, sein Sohn, begrüßt uns mit Coco Loco, ein Drink aus Kokoswasser, Rum, Limette, Pampelmusensaft und Honig der eigenen Bienen. Er ist süß und erfrischend. Wir schälen eine Pomelo, der Saft verklebt uns Hände und Mund, vermischt sich mit dem Kokosfleisch und dem Blick ins Tal. Wir sind satt und glücklich. Vor der Hitze flüchten wir zu Palillito in die Hütte. Mehr ein Verschlag. Vier Schaukelstühle stehen neben ein paar Kochtöpfen, im Nebenraum eine Matratze auf dem blanken Holzboden. Die Hütte hat vorne und hinten eine Tür, der Wind weht angenehm und treibt die Wolken über das weite Tal. Vor der Veranda hängen auf einer Leine Tabakblätter zum Trocknen und fermentieren im Wind. Idylle. Pur.

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90% der Ernte müssen Tabakbauern zu einem Festpreis an den kubanischen Staat abtreten. Neunzig! Mit den restlichen 10% erwirtschaften sie oftmals mehr. Jeden Monat kommt ein staatlicher Tabakpflanzenzähler und hält akribisch das Ausmaß der Ernte fest. Manches wird auch auf Kuba ganz genau genommen. In der Abendsonne rauchen wir unsere erste Zigarre. Das Mundstück wird hier in Honig getaucht, süßer Rauch drückt uns angenehm schwindlig in die Schaukelstühle. Fermentiert werden die Blätter hier auf ganz natürliche Art, mit einem Spritzer Rum, Honig und Orangensaft. Er erzählt uns noch lange von der Geschichte des Dorfes, seine Frau kommt dazu, lacht, sagt sie hätte uns vormittags schon auf den Tablas, den Skateboards, gesehen.

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Nur der Vollmond des 2. Januars leuchtet uns den Weg zurück, den Mojito, Tequila und Caramelo sicher finden.

Text: Isabel Gür

Fotos: Dana Vogel, Isabel Gür, Christian Schriefer